Balingen. Dicht gedrängt saßen die Zuhörer im Café Weitwinkel und folgten dem Gespräch zwischen Ricarda Lang, Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, dem grünen Landtagskandidaten Maurice Rössler und Vertreter*innen aus der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Beim Thema des Abends „Bildung kostet. Keine Bildung kostet mehr.“ zeigten Beispiele aus der Praxis von Kitas, Schulen und Beratungsstellen deutlich, dass man mit dem Rotstift nicht gestalten kann.
Durch den Abend führten Sabrina Hipp, Vertreterin aus dem grünen Kreisvorstand Zollernalb, und Beate Zachmann, Vorsitzende des Ortsverbands Balingen und Umgebung von Bündnis 90/Die Grünen.
Für Simone Lengerer, Fachberatung für Kindertageseinrichtungen im evangelischen Kirchenbezirk Balingen, geht es tagtäglich um die Kleinsten unserer Gesellschaft. Bildung, Betreuung und Erziehung gehörten eng zusammen. Unsere Fachkräfte in den Kitas würden viel leisten, doch litten sie unter dem Gefühl, dass es nie ausreiche. Ihr Appell an die Politik: „Die Projektitis muss aufhören!“ Man brauche eine langfristige Planung für Maßnahmen, die nicht regierungsabhängig sein dürfe.
Für Fachleiter Soziale Hilfen Johannes Geiger von der Caritas Schwarzwald-Alb-Donau ist Bildung ganz klar ein Türöffner. Mancher Lebenslauf würde sich anders gestalten, wenn schon früh materielle Unterstützung vorhanden wäre. Ein großer Unterschied sei bereits, ob man als Kind in einem Einzelzimmer seine Hausaufgaben mache oder das Zimmer mit drei Geschwistern teilen müsse.
Bernhard Mast-Sindlinger, Schulleiter der Wilhelm-Hauff-Schule berichtete, dass die Zahl seiner Schüler von 85 auf 155 in den letzten sechs Jahren gestiegen sei. Räumlichkeiten und Lehrer seien nicht angepasst worden. Seiner Meinung nach haben Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) in unserer Gesellschaft eine geringere Lobby als Gymnasien. Doch Teilhabe sei gleichzeitig Emanzipation. Zudem leiden die Schülerinnen und Schüler besonders unter den Folgen, wenn Lehrkräfte ausfallen. Um diese Ausfälle aufzufangen, werden bestehende Angebote oft gestrichen.
Mit Armut hat Tanja Kapaurer, 1. Vorsitzende des Kinderschutzbunds Balingen, jeden Tag zu tun. Der „KinderKleiderLaden“, in dem mit Berechtigungsschein günstig eingekauft werden könne, würde von Familien zwar sehr gut angenommen, doch spüre sie, dass ein Einkauf dort gleichzeitig mit Scham behaftet sei. Sie forderte, dass Kinder nicht länger „eine Randnotiz“ sein dürften.
Kinder und Jugendliche stellten einen immer kleineren Teil der Bevölkerung dar, führte die grüne Bundestagsabgeordnete Ricarda Land aus. Im Bundestagsausschuss für Arbeit und Soziales, dem Lang angehört, würde sehr viel über Fachkräftemangel diskutiert, dabei vernachlässige man die eigenen jungen Menschen, die ja Fachkräfte werden könnten. In anderen Ländern fördere man den Kita- und Primärbereich viel mehr als bei uns, so setzten sich die Grünen unter anderem für ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr ein, das kostenlos sein müsse.
Die hohen Kita-Gebühren nahm der grüne Landtagskandidat Maurice Rössler, selbst Vater zweier Kinder, als Beispiel dafür, dass Kinder für Familien „armutsgefährdend“ sein könnten. Es sei abzuwägen, ob ein Zusatzverdienst ausreiche, Kita-Gebühren zu bezahlen oder man als Familie eher draufzahle. Mit „Lifestyle-Teilzeit“ habe die Realität wenig zu tun.
Ricarda Lang stellte sich klar gegen den „Kürzungswahnsinn im Sozialen“. Durch Abschaffen von Ausnahmen bei der Erbschaftssteuer für große Vermögen könne viel Geld für Bildung freigesetzt werden. Nach dem „Bestellerprinzip“ müssten Kommunen diese Gelder erhalten, um umsetzen zu können, was von Bund oder Land gefordert würde wie etwa, dass Kinder im Grundschulalter stufenweise einen Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung hätten. Außerdem möchte sie vom Kooperationsverbot zwischen Bund und Bundesländern in Sachen Bildung wegkommen und schlägt ein Kooperationsgebot für gleichwertige Bildungschancen bundesweit vor.





































