
Balingen. Wie können Bürgerinnen und Bürger von der Energiewende vor Ort profitieren und sich selbst an Energieprojekten beteiligen? Unter dieser Fragestellung diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Bürgerenergiegenossenschaften auf Einladung der Zollernalb-Grünen in der Stadthalle Balingen. Die Veranstaltung beleuchtete bestehende Hürden: Planungsunsicherheiten durch die geplante EEG-Novelle und langwierige Netzanschlüsse erschwerten regionale Vorhaben. Chancen böten eine engere Zusammenarbeit zwischen Genossenschaften, die Unterstützung überregionaler Verbände und eine bessere Vernetzung aller Beteiligten. Als Vorteile wurden eine günstigere Stromversorgung und eine stärkere regionale Wertschöpfung hervorgehoben.
Der Kreisverband von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Zollernalb hatte am Dienstag, 27. Oktober 2026, zur Veranstaltung „Energie in Bürgerhand“ eingeladen. Die Moderation übernahm Michael Berkhan, Mitglied des Kreisvorstands der Zollernalb-Grünen.
Der Ausbau erneuerbarer Energien hat in den vergangenen Jahren dank klarer gesetzlicher Vorgaben und ausreichender Förderung deutlich an Fahrt aufgenommen. Auf immer mehr Hausdächern entstehen Photovoltaikanlagen. Windkraftprojekte und größere Freiflächen-PV-Anlagen wurden im Zollernalbkreis bislang dagegen nur in begrenztem Umfang umgesetzt. Welche Chancen Bürgerenergiegenossenschaften dabei bieten, stand im Mittelpunkt des Abends.
Auf dem Podium diskutierten Michael Bloss, Mitglied des Europäischen Parlaments, und Almut Petersen, Gemeinderätin in Hechingen sowie Aufsichtsratsvorsitzende der Bürgerwerke eG und der Teckwerke Bürgerenergie eG, beide von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Hinzu kamen Lukas Winkler vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband e. V. und Konrad Bonislawski, Vorstand der BürgerEnergiegenossenschaft Balingen eG.
Welche Probleme erschweren derzeit die Planung und Umsetzung von Windkraftprojekten in der Region? In der Diskussion wurde deutlich, dass sich die von der Bundesregierung angestrebten Änderungen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes bereits auf die langfristige Planungssicherheit auswirkten. Ein möglicher Wegfall von Redispatch-Entschädigungen bei netzbedingten Abregelungen würde die Kalkulation zusätzlich erschweren.
Almut Petersen verwies zudem auf Widersprüche bei der Organisation und Finanzierung des Stromnetzes. Auch regional erzeugter und vermarkteter Strom müsse über Umlagen und Steuern Netzkosten mitfinanzieren, die beispielsweise durch den Transport von Strom aus Nord- nach Süddeutschland entstünden.
Michael Bloss betonte die wirtschaftlichen Chancen genossenschaftlicher Projekte. Kapitalgesellschaften müssten höhere Renditen erzielen als Bürgerenergiegenossenschaften, um ihre Anlagen profitabel zu betreiben. Gerade genossenschaftlich organisierte Vorhaben könnten eine große regionale Wertschöpfung entfalten, insbesondere wenn der erzeugte Strom vor Ort genutzt werde.
Konrad Bonislawski verdeutlichte die finanziellen Herausforderungen. Für einen wirtschaftlich betriebenen Windpark in der Region nannte er eine Größenordnung von drei bis acht Windrädern und einen Investitionsbedarf von etwa fünf bis sieben Millionen Euro je Anlage. Solche Summen seien für kleinere Bürgerenergiegenossenschaften allein kaum zu stemmen. Auch die Vermarktung des erzeugten Stroms benötige professionelle Strukturen und lasse sich nicht ausschließlich ehrenamtlich bewältigen.
An dieser Stelle könne der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband Unterstützung leisten, erläuterte Lukas Winkler. In Süddeutschland seien in den vergangenen Jahren sehr unterschiedliche Bürgerenergieprojekte entstanden: teils gemeinsam mit mehreren Genossenschaften, teils mit Unterstützung örtlicher und energieintensiver Industrieunternehmen. Dabei seien verschiedene Beteiligungsmodelle und Rechtsformen möglich. Mehrfach wurde im Gespräch deutlich, wie wertvoll der Austausch zwischen den regionalen Akteuren sei.
Neben der Stromerzeugung können auch Speicheranlagen genossenschaftlich betrieben werden. Almut Petersen erläuterte die wirtschaftlichen Chancen batterieelektrischer Großspeicher und ihr Potenzial zur Netzentlastung. Sie könnten beispielsweise mittags überschüssigen Strom bei niedrigen oder negativen Börsenpreisen aufnehmen und ihn später bei höherer Nachfrage und höheren Preisen wieder einspeisen. Eine stärkere Nutzung regional erzeugten Stroms vor Ort könne zudem den Bedarf an Stromtransporten über weite Strecken verringern.
Für die Stärkung der Bürgerenergie im Zollernalbkreis ergeben sich daraus mehrere Ansätze: Ein regelmäßiger Austausch zwischen Genossenschaften, Kommunen und Netzbetreibern könnte helfen, geeignete Vorhaben frühzeitig gemeinsam zu entwickeln. Kooperationen zwischen mehreren Genossenschaften könnten Kapital und Fachwissen bündeln. Auch die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen bietet Chancen, die Stromerzeugung und den Verbrauch vor Ort enger miteinander zu verbinden.
Der Abend zeigte: Trotz bestehender Hürden gibt es vielfältige Möglichkeiten, die Energiewende gemeinsam voranzubringen. Bürgerenergiegenossenschaften können dazu beitragen, dass Menschen mitgestalten, sich beteiligen und die wirtschaftlichen Erträge stärker in der Region bleiben.



