Die Entscheidung des Albstädter Gemeinderats, die Ganztagesbetreuung in Kitas zu reduzieren und künftig auf wenige städtische Einrichtungen zu konzentrieren, sorgt weiter für Diskussionen. Bereits in ihrem Leserbrief „Mehr Flexibilität statt weniger Betreuung“ hatte Sabrina Hipp von den Grünen Zollernalb die Kürzungen deutlich kritisiert: Nicht der Abbau von Betreuungszeiten sei die richtige Antwort auf knappe Kassen und veränderte Bedarfe, sondern ein flexibleres, alltagstauglicheres Angebot für Familien.
Im Interview mit Olga Haug von der Schwäbischen Zeitung führt Sabrina Hipp diese Kritik nun weiter aus. Sie spricht über tageweise buchbare Ganztagesplätze, über die Folgen für Eltern und Kinder, über Vereinbarkeit von Familie und Beruf und darüber, warum aus ihrer Sicht gerade Frauen von der Entscheidung besonders betroffen sein werden. Zugleich stellt sie die Frage, welche Prioritäten eine Stadt setzt, wenn bei der Kinderbetreuung gespart wird, während gleichzeitig erhebliche Mittel ins Citymanagement fließen.
Das vollständige Gespräch lesen Sie im Anschluss.

Olga Haug: Frau Hipp, Sie haben die Entscheidung des Gemeinderates öffentlich kritisiert. Was genau stört Sie?
Sabrina Hipp: Ich kritisiere, dass die Ganztagesbetreuung in Kitas reduziert wird, anstatt das Angebot auszubauen und flexible Angebote zu schaffen. Aktuell wird die Ganztagsbetreuung an Grundschulen eingeführt. In Kitas wird sie hingegen wieder abgebaut. Das ergibt für mich keinen Sinn.
Olga Haug: Was genau meinen Sie mit flexiblen Angeboten?
Sabrina Hipp: Dass man einen Ganztagesplatz flexibel buchen kann. Es gibt Städte, in denen das reibungslos funktioniert. Man kann die Betreuung beispielsweise tageweise buchen. Zum Beispiel an zwei Tagen Betreuung bis 16.30 Uhr und an drei Tagen Betreuung bis 13 oder 14 Uhr. Oder nur am Nachmittag. Man hätte dadurch auch Plätze gewonnen.
Olga Haug: Welche Vorteile hätte das Ihrer Meinung nach?
Sabrina Hipp: Das Personal kann besser eingeplant werden. Und natürlich wären die Plätze effizienter ausgelastet. Tatsächlich ist es ja so, dass es Familien gibt, die einen Ganztagesplatz haben, ihn aber nur zwei bis drei Mal in der Woche benötigen. Dann ist klar, dass Fachkräfte an manchen Nachmittagen nur noch wenige Kinder betreuen.
Olga Haug: Können Sie die Entscheidung der Stadt auch ein Stück weit nachvollziehen? Vor allem aus finanzieller Sicht?
Sabrina Hipp: Laut Sitzungsvorlage sind es am Ende nur 40.000 Euro im Jahr, die eingespart werden. In derselben Sitzung hat man beschlossen, mehr als 600.000 Euro ins Citymanagement zu stecken. Die Stadt spart an der falschen Stelle.
Olga Haug: Was macht eine Stadt attraktiv? Kita-Plätze oder eine belebte Innenstadt?
Sabrina Hipp: Ich denke, es braucht beides. Aber um den Alltag einer Familie zu entlasten, vor allem auch, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen, sind Kita-Plätze inklusive guter Betreuungszeiten grundlegend. Das Geld, das ans City-Management geht, hätte sinnvoller investiert werden können. Events sind nice to have, aber das entlastet Familien nicht im Alltag.
Olga Haug: Aber die Stadt muss sparen.
Sabrina Hipp: Ja, und sie muss auch in Zukunft noch mehr sparen. Aber aus meiner beruflichen Perspektive finde ich es schlicht falsch, wenn im Sozialen eingespart wird und in anderen Bereichen – gefühlt – gar nicht. Und 40.000 Euro sind für eine große Stadt wie Albstadt einfach nicht viel Geld.
Olga Haug: Was hätte man mit 600.000 Euro im sozialen Bereich bewirken können?
Sabrina Hipp: Eine App für ein flexibles Betreuungsangebot zum Beispiel. Man könnte die Büchereien in Tailfingen und Onstmettingen erhalten sowie konsumfreie Aufenthaltsmöglichkeiten in der Innenstadt schaffen. Ich denke auch an Mehrgenerationenhäuser. In Albstadt nimmt die Armut immer weiter zu. Auch da muss man gegensteuern.
Olga Haug: Welche Konsequenzen hat die Entscheidung? Auch langfristig?
Sabrina Hipp: Das wird vor allem den Frauen auf die Füße fallen. Es ist ein Rückschritt. Es wird viele Frauen geben, die weiterhin in Teilzeit bei 40 oder 50 Prozent bleiben werden und nicht aufstocken, da das Betreuungsangebot wohnortnah fehlt. Ich kenne genügend Arbeitgeber, die sagen, dass sie keine Teilzeitkräfte wollen, die nur am Vormittag arbeiten können. Auch Arbeitgeber müssen Öffnungs- und Bürozeiten abdecken. Das ist vor allem in sozialen Berufen ein Problem, die ja überwiegend von Frauen ausgeübt werden.
Olga Haug: Sie sagen, es ist ein Rückschritt. Wieso?
Sabrina Hipp: Aus feministischer Sicht ist es ein Rückschritt. Weil es überwiegend die Frauen trifft. Aus gesellschaftlicher Sicht wird es langfristig negative Konsequenzen geben, weil die Kita auch einen Bildungsauftrag hat. Letztlich geht es auch um Chancengleichheit. Es gibt eine eindeutige Verbindung zwischen geringen Betreuungszeiten und Kinderarmut.
Olga Haug: Wenn man auf den Nachbarlandkreis Tübingen schaut, wo es vor rund drei Jahren zu einer ähnlichen Entscheidung gekommen ist, sind viele Eltern auf die Straßen gegangen und haben demonstriert. Warum hier nicht?
Sabrina Hipp: Ich schätze, dass viele es noch gar nicht wirklich mitbekommen haben. Die Konsequenzen werden den meisten wohl erst ab September bewusst, wenn die Entscheidung dann auch tatsächlich umgesetzt wird. Kinder müssen ja zum Teil die Kita wechseln.
Olga Haug: Laut Stadtverwaltung ist der Bedarf an Ganztagesplätzen rückläufig. Folglich ist der Abbau der Plätze logisch.
Sabrina Hipp: Das bezweifle ich. Ich glaube nicht, dass der Bedarf weniger geworden ist. Die Stadt hat keine Umfrage unter den Eltern gemacht. Ich denke, dass viele sich nicht auf einen Ganztagesplatz bewerben, aus Angst, gar keinen Platz zu bekommen. Andererseits glaube ich, dass das Angebot nicht mehr den Bedürfnissen der Eltern entspricht. Viele verzichten sicher auch aus finanziellen Gründen auf einen Ganztagesplatz, obwohl sie ihn eigentlich benötigen würden. Da wäre das flexible Angebot sinnvoll.
Olga Haug: Geht mit einem flexiblen Angebot nicht auch mehr Aufwand einher? Folglich auch mehr personelle Ressourcen?
Sabrina Hipp: Andere Städte zeigen, dass es geht. Diese Städte setzen es bereits seit vielen Jahren um. Die Stadt Albstadt argumentiert, dass man viele Verwaltungsstellen braucht. Aber es gibt auch Apps. Setzt eine Stadt klare Prioritäten für Bildung und Familien, ergeben sich immer Wege, passende Angebote zu entwickeln. Und Nachfrage entsteht genau dort, wo attraktive Angebote vorhanden sind.
Olga Haug: Muss die Stadt einfach mutiger sein?
Sabrina Hipp: Ja. Einfach mal offen sein für Neues und die Angebote an die heutige Lebenswelt von Familien anpassen. Weg von diesen alten Modellen. Man könnte es zumindest versuchen und dann evaluieren. Nur so kann Albstadt meiner Meinung nach Fachkräfte gewinnen, für Familien attraktiver werden und die Armut etwas lindern.
Das Interview ist erstmals auf schwäbische.de erschienen
https://www.schwaebische.de/regional/zollernalb/albstadt/stadt-kuerzt-ganztagesplaetze-und-investiert-gleichzeitig-ueber-600000-euro-ins-citymanagement-4589156