
Die Stadt Albstadt reduziert die Ganztagesbetreuung in ihren Kindertagesstätten und konzentriert die verbleibenden Plätze künftig auf wenige städtische Einrichtungen. Sabrina Hipp von den Grünen Zollernalb hält diese Entscheidung für einen Fehler. Im Interview mit Olga Haug von der Schwäbischen Zeitung erklärt sie, warum die Stadt aus ihrer Sicht an der falschen Stelle spart – und welche Alternativen es zum Abbau von Betreuungsangeboten gäbe.
Besonders widersprüchlich sei, dass derzeit die Ganztagesbetreuung an den Grundschulen ausgebaut werde, während die entsprechenden Angebote in den Kindertagesstätten zurückgefahren würden. Statt bestehende Betreuungszeiten zu kürzen, müsse Albstadt Angebote entwickeln, die besser zum heutigen Alltag von Familien passen.
Flexible Betreuung statt starrer Modelle
Ein zentrales Problem sieht Sabrina Hipp in den bislang wenig flexiblen Buchungsmöglichkeiten. Viele Familien benötigten eine Ganztagesbetreuung nicht an jedem Wochentag, sondern beispielsweise nur an zwei oder drei Tagen. Starre Ganztagesplätze entsprächen daher häufig nicht dem tatsächlichen Bedarf.
Andere Städte ermöglichten bereits eine tageweise Buchung: Eltern könnten ihre Kinder beispielsweise an zwei Tagen bis 16.30 Uhr und an den übrigen Tagen nur bis zum frühen Nachmittag betreuen lassen. Auch eine reine Nachmittagsbetreuung sei denkbar.
Ein solches Modell hätte nach Ansicht von Sabrina Hipp mehrere Vorteile. Die vorhandenen Plätze könnten effizienter genutzt, das Personal bedarfsgerechter eingesetzt und mehr Familien erreicht werden. Digitale Buchungssysteme oder eine App könnten die Organisation erleichtern.
„Einfach mal offen sein für Neues und die Angebote an die heutige Lebenswelt von Familien anpassen“, fordert Hipp. Ein flexibles Modell könne zunächst erprobt und anschließend ausgewertet werden.
40.000 Euro Einsparung bei der Kinderbetreuung
Auch die finanziellen Prioritäten der Stadt stellt Sabrina Hipp infrage. Nach Angaben in der Sitzungsvorlage soll die Kürzung der Ganztagesbetreuung jährlich lediglich rund 40.000 Euro einsparen. In derselben Sitzung habe der Gemeinderat gleichzeitig beschlossen, mehr als 600.000 Euro in das Citymanagement zu investieren.
Für Sabrina Hipp ist deshalb klar: „Die Stadt spart an der falschen Stelle.“
Eine attraktive Innenstadt und Veranstaltungen könnten zur Lebensqualität einer Stadt beitragen. Verlässliche Kita-Plätze und bedarfsgerechte Betreuungszeiten seien für Familien jedoch eine grundlegende Voraussetzung, um ihren Alltag bewältigen und Familie und Beruf miteinander vereinbaren zu können.
Die Mittel hätten aus ihrer Sicht stärker in soziale Infrastruktur investiert werden können – etwa in flexible Betreuungsangebote, den Erhalt der Büchereien in Tailfingen und Onstmettingen, konsumfreie Aufenthaltsorte oder Mehrgenerationenhäuser.
Rückschritt bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Die Folgen der Kürzungen werden nach Einschätzung von Sabrina Hipp vor allem Frauen treffen. Fehle eine wohnortnahe Betreuung am Nachmittag, könnten viele Mütter ihre Arbeitszeit nicht erhöhen und müssten dauerhaft in Teilzeit bleiben.
Das sei nicht nur für die betroffenen Familien problematisch. Auch Arbeitgeber benötigten Beschäftigte, die nicht ausschließlich am Vormittag arbeiten können. Besonders deutlich zeige sich das in sozialen Berufen, in denen überwiegend Frauen tätig sind und gleichzeitig ein großer Fachkräftemangel besteht.
Aus feministischer Sicht sei die Entscheidung deshalb ein Rückschritt. Sie verfestige bestehende Ungleichheiten und erschwere Frauen eine gleichberechtigte berufliche Entwicklung.
Kinderbetreuung ist auch Bildungspolitik
Kindertagesstätten übernehmen nicht nur eine Betreuungs-, sondern auch eine wichtige Bildungsaufgabe. Kürzere Betreuungszeiten können sich daher langfristig auf die Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern auswirken.
Gerade angesichts zunehmender Armut in Albstadt müsse die Stadt soziale Angebote stärken, statt sie einzuschränken. Gute frühkindliche Bildung, verlässliche Betreuung und Chancengleichheit gehörten unmittelbar zusammen.
Dass der Bedarf an Ganztagesplätzen angeblich zurückgegangen sei, überzeugt Sabrina Hipp nicht. Die Stadt habe dazu keine Elternbefragung durchgeführt. Zudem könne eine geringe Zahl von Anmeldungen unterschiedliche Ursachen haben: Manche Eltern verzichteten möglicherweise aus finanziellen Gründen auf einen Ganztagesplatz. Andere bewürben sich gar nicht erst, weil sie fürchteten, ansonsten überhaupt keinen Kita-Platz zu bekommen.
Die entscheidende Frage sei deshalb nicht nur, wie viele Familien das bestehende Angebot nutzen. Die Stadt müsse untersuchen, welche Betreuungszeiten Familien tatsächlich benötigen und ob die bisherigen Modelle noch zu ihrer Lebensrealität passen.
Attraktive Angebote schaffen Nachfrage
Sabrina Hipp fordert die Stadt auf, mutiger zu werden und neue Modelle zumindest zu erproben. Dass flexible Betreuung grundsätzlich möglich ist, zeigten zahlreiche andere Kommunen bereits seit Jahren.
„Setzt eine Stadt klare Prioritäten für Bildung und Familien, ergeben sich immer Wege, passende Angebote zu entwickeln“, sagt Hipp. Attraktive und alltagstaugliche Betreuungsangebote seien zugleich ein wichtiger Standortfaktor. Sie könnten Albstadt für Familien interessanter machen, die Gewinnung von Fachkräften erleichtern und einen Beitrag zur Bekämpfung von Armut leisten.
Die vollständige Entscheidung über ihre Auswirkungen werde für viele Familien voraussichtlich erst ab September spürbar. Dann müssen einige Kinder möglicherweise ihre bisherige Kita wechseln. Umso wichtiger ist es, die Folgen aufmerksam zu begleiten und die Betreuungsangebote konsequent am tatsächlichen Bedarf der Familien auszurichten.
Das Interview führte Olga Haug von der Schwäbischen Zeitung. Es ist erstmals auf schwäbische.de erschienen.
Bildnachweis: Olga Haug / Schwäbische Zeitung